Die Migration der Dinge

Jüdische Geschichte ist seit jeher untrennbar mit Migration verbunden. Gesetzliche Beschränkungen und wirtschaftliche Zwänge bedingten eine hohe Mobilität der jüdischen Bevölkerung, gleichzeitig mussten viele aufgrund von Vertreibungen, antisemitischer Gesetzgebung oder Gewalt an anderen Orten ein neues Leben aufbauen.

1867 erlangten die Jüdinnen und Juden in Österreich-Ungarn die bürgerliche Gleichstellung. Die neue Bewegungsfreiheit führte zur Abwanderung vieler von ihnen aus den entlegeneren Gebieten der Monarchie in die Haupt- und Residenzstadt Wien. Großhändler wie Hausierer mussten ausgedehnte Reisen unternehmen. Frauen wurden an oft weit entfernte Orte verheiratet, manche junge Leute wurden für ihre Ausbildung weggeschickt, andere verließen die Enge ihrer familiären Welt.



Auf diese Weise wanderten auch Objekte durch die ganze Welt oder wurden von den zugewanderten Jüdinnen und Juden in Wien angefertigt. Diese Objekte sind die Protagonisten dieser Ausstellung.

Ein Großteil der Judaica-Sammlung des Jüdischen Museums Wien geht auf die Vernichtung des Wiener Judentums durch die Nationalsozialisten zurück: Vielfach handelt es sich um Objekte, die nach dem Novemberpogrom 1938 aus den Trümmern der Wiener Synagogen geborgen wurden. Sie erzählen von der Vertreibung und Ermordung ihrer Besitzer:innen, aber auch vom reichhaltigen Leben davor. 

Verschiedene Blickwinkel auf diese Objekte machen deutlich, dass die Sammlung einem Kaleidoskop ähnelt, in dem sich (jüdische) Weltgeschichte auf verschiedenste Weise spiegelt. Von der Ukraine, Dänemark und Italien bis nach Indien, Vietnam und in die USA sind ihnen Geschichten der Migration eingeschrieben.

Mattersdorf in Jerusalem

Warum wurde eine jüdische Gemeinde in Jerusalem nach dem burgenländischen Mattersdorf benannt?

Jeru­sa­le­mer Stadt­teil Kir­jat Mat­ters­dorf, 2003, JMW, Inv. Nr. 12960
Ortsschild Kirjat Mattersdorf, 2024, JMW, Inv. Nr. 29575, Foto: © Tobias von Marillac

Die Geschichte der Mattersdorfer Jüdinnen und Juden erstreckt sich über fünf Jahrhunderte. Heute leben einige ihrer Nachkommen in Kirjat Mattersdorf, einem Stadtteil im Norden Jerusalems. Samuel Ehrenfeld, der letzte Rabbiner des burgenländischen Mattersburg (bis 1924 Mattersdorf), überlebte die Schoa und gründete in den 1950er-Jahren in Erinnerung an seine Heimat die ultraorthodoxe Gemeinde Kirjat Mattersdorf in Jerusalem. Aktuell ist dort sein Enkel Isaak Ehrenfeld Rabbiner.

Seit 1527 kann eine jüdische Siedlung in Mattersdorf nachgewiesen werden und nach der Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus Wien 1670 erblühte jüdisches Leben auch in anderen burgenländischen Dörfern. Die gräfliche und später fürstliche Familie Esterházy nahm sie auf und regelte ihre rechtliche Situation mit dem Erlass von Schutzbriefen, die ihnen Schutz und das Recht zur Selbstverwaltung gewährten. Die sogenannten Siebengemeinden (Schewa Kehilot) zahlten dafür immense Steuern an das mächtige Adelshaus.

Portrait Chatam Sofer, JMW, Inv. Nr. 8264, Foto: © David Peters

Als Kaiser Leopold I. 1670/71 die Jüdinnen und Juden aus Wien und Niederösterreich vertrieb, schloss sich auch der regierende Paul I. Esterházy an. Bereits sieben Jahre später kam es jedoch zur Wiederbegründung der Siebengemeinden im heutigen Burgenland, das zu dieser Zeit zu Westungarn gehörte.

Ab diesem Zeitpunkt wuchs die Gemeinde in Mattersdorf stetig an. Dafür sorgte vor allem die angesehene Jeschiwa, die orthodoxe Schüler aus ganz Europa anzog. Auch der berühmte Rabbiner Chatam Sofer – der Ururgroßvater des heutigen Mattersdorfer Rabbiner Ehrenfeld in Israel – wirkte hier.

Ghet­to in Mat­ters­burg, um 1928, JMW, Inv. Nr. 5977
Rimmonim aus Mattersdorf/Mattersburg, Wien, 1779, JMW, Inv. Nr. 9279, Video: © David Peters

Im Jüdischen Museum Wien befinden sich zahlreiche Ritualgegenstände, die vom religiösen Leben in Mattersdorf erzählen, so z.B. diese Tora-Aufsätze/Rimmonim, die 1779 für die Begräbnisbruderschaft/Chewra Kadischa gestiftet wurden, oder die Tora-Krone aus dem Jahr 1804, gestiftet von Merl und Elazar Katz. Die Silberobjekte zeugen von der Frömmigkeit der Gemeinde und keineswegs von ihrem Reichtum: Der Lebensraum zu jener Zeit war außerordentlich beengt. 1811 lebten in einem Haus im Mattersdorfer Ghetto im Schnitt 32 Personen.

Erwerbssteuer-Schein für den Hausierer David Moses aus Mattersdorf, 1853, JMW, Inv. Nr. 3988

Ungefähr die Hälfte der Mattersburger Juden war im Handel tätig, meist als Hausierer, die zwischen Wiener Neustadt und Ödenburg zu Fuß ihre Ware anboten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Ansiedlung auch außerhalb des ursprünglichen Ghettos möglich, dennoch blieben die meisten im Umkreis.

Keter Tora, Wien, 1804, JMW, Inv. Nr. 12440, Foto: © David Peters
Zerstörte Synagoge in Mattersburg, Stadtarchiv Mattersburg

1938 war das Burgenland das erste Bundesland, das sich als „judenrein“ feierte. In Mattersdorf lebten zum Zeitpunkt des „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 530 Jüdinnen und Juden. Mehr als 100 von ihnen wurden in der Schoa ermordet.

Von Korfu nach Triest

...und ein Pokal für Wien

Was machen Jüdinnen und Juden aus Korfu in Triest?

Und warum schenken sie dem Wiener Oberrabbiner einen Ehrenpokal?

Pokal für Zwi Perez Chajes von den korfiotischen Juden in Triest, 1918, JMW, Inv. Nr. 6635, Foto: © Sebastian Gansrigler

Dieser Ehrenpokal wurde Zwi Perez Chajes (1876–1927) von den korfiotischen Jüdinnen und Juden Triests geschenkt. Er stammt aus dem Jahr 1918, als Chajes Triest verließ, um in Wien das Amt des stellvertretenden Oberrabbiners anzutreten.

Zwi Perez Chajes in Triest, 1912-1918, JMW, Inv. Nr. 14837

Chajes konnte zu dieser Zeit bereits auf eine internationale Karriere zurückblicken: In seiner Geburtsstadt Brody hatte er die Jeschiwa seines Onkels besucht, in Wien das Rabbinerseminar, in Florenz hatte er eine Professorenstelle bekleidet, die er schließlich für die Rabbinatsstelle in Triest aufgab.

In Triest lebten damals zahlreiche Jüdinnen und Juden, die aus Korfu geflohen waren und in Chajes einen großen Unterstützer fanden. Dafür bedankten sie sich bei ihm mit dem Pokal.

Die sogenannte „Scola Piccola“, in der die korfiotischen Jüdinnen und Juden praktizierten, Museo della Comunità ebraica di Trieste "Carlo e Vera Wagner"

1891 verbreitete sich unter den christlich-orthodoxen Bewohnern von Korfu das Gerücht, ein Mädchen sei Opfer eines „jüdischen Ritualmords“ geworden. Ein wochenlanges Pogrom mit etwa 20 Todesopfern wütete auf der Insel. Zahlreiche korfiotische Jüdinnen und Juden flüchteten deshalb nach Triest. Sie formierten eine eigene Gruppe innerhalb der jüdischen Gemeinde der habsburgischen Hafenstadt und behielten ihre eigenen Riten und Traditionen. Die jüdische Gemeinde stellte ihnen dafür die älteste Synagoge der Stadt in der Via Beccaria zur Verfügung.

Historische Fotografie eines Schreibens der korfiotischen Juden an den Dogen, Wien, um 1928, JMW, Inv. Nr. 1165

Die korfiotisch-jüdische Bevölkerung bestand einerseits aus sogenannten romaniotischen Jüdinnen und Juden, die in der Levante angesiedelt waren und einen hebräisch-griechischen Dialekt sprachen, andererseits aus italienischen sowie sefardischen Jüdinnen und Juden – letztere waren 1492 aus Spanien vertrieben worden und über Italien nach Korfu gekommen.

Korfu war von 1387 bis 1797 unter venezianischer Herrschaft. Auf der Insel war die Gesetzeslage für Jüdinnen und Juden deutlich günstiger als in Venedig selbst: Sie mussten keinen „gelben Fleck“ auf ihrer Kleidung tragen und blieben auch 1572 von der Vertreibung aus dem Venezianischen Reich verschont.

Doch sie bildeten keine eingeschworene Gemeinschaft: Dieses Foto aus dem Bestand des ersten Jüdischen Museums Wien zeigt eine an den Dogen gerichtete Beschwerde der romaniotischen Jüdinnen und Juden über die hinzugekommenen Sefard:innen. Das Zusammenleben verlief demnach nicht ohne Konflikte.

Ansicht der Syn­ago­ge von Tri­est, um 1925, JMW, Inv. Nr. 21565
Fotoportrait von Zwi Perez Chajes, Wien, um 1925, JMW, Inv. Nr. 4190

In Wien war Zwi Perez Chajes nicht nur als Rabbiner, sondern auch wissenschaftlich tätig. Er war Mitglied des Kuratoriums des ersten Jüdischen Museums und hielt dort 1923 den Vortrag „Die Juden Italiens in Vergangenheit und Gegenwart“. Bestimmt sprach er darin über die jüdische Gemeinde in Triest – möglicherweise auch über die korfiotischen Jüdinnen und Juden.

Palmen

Zwischen Budapest, Wien und den USA

Wie kommt ein Chanukka-Leuchter einer Budapester Silberschmiedin, der in die USA gerettet wurde, ins Jüdische Museum Wien?

Chanukkia von Elza Sternberger, Wien, 1924, JMW, Inv. Nr. 6601, Video: © David Peters

Geboren 1890 in Sighetu Marmației im heutigen Rumänien (damals Siebenbürgen), studierte Elza Sternberger von 1913 bis 1915 Goldschmiedekunst an der Hochschule für Kunst und Design in Budapest. Sie galt als eine der besten Schülerinnen ihres Lehrgangs und fertigte Schmuckstücke und kleine Kunsthandwerksgegenstände im damals weit verbreiteten ungarischen Art Deco an. Als sie nach dem Studium nach Wien ging, beschäftigte sie sich vermehrt mit jüdischen Themen und fertigte Judaica in neuem Design an – so zum Beispiel diese Chanukkia.

Nachruf auf Elza Sternberger in der ungarisch-jüdischen Zeitschrift Múlt és Jövő, 1925

Sternberger befasste sich intensiv mit biblischen Quellen und wollte das jüdische Kunsthandwerk erneuern – in Wien und später auch in Palästina.

Ihre Arbeiten sollen in Wien gut verkauft worden sein. Die Goldschmiedin starb hier im Alter von nur 34 Jahren.

Nachruf auf Elza Sternberger in der ungarisch-jüdischen Zeitschrift Múlt és Jövő, 1925
Cha­nuk­kia von Elza Stern­ber­ger, Wien, 1924, JMW, Inv. Nr. 6601, Foto: © David Peters
Albert Einstein & Ilse Sternberger in Princeton, NJ, 1956, Foto: Marcel Sternberger, Courtesy of Jacob Loewentheil and The Marcel Sternberger Collection © 2016, Stephan Loewentheil

Die Chanukkia wurde von ihrem Bruder Marcel Sternberger auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Christiansburg, Virginia in den USA mitgenommen – als einziger Gegenstand. Ihre Eltern wurden im Holocaust ermordet.

Marcel Sternberger wurde ein äußerst erfolgreicher Fotograf, starb jedoch 1965 bei einem Verkehrsunfall. In den 1990er-Jahren erwarb das Jüdische Museum Wien den Leuchter von seiner Witwe Ilse.

Dänische Reformen für Wien

Wie kam es, dass ein dänischer Rabbiner die Spaltung der Wiener Judenschaft verhinderte?

Schulchan-Decke für Isak Noa Mannheimer, 1865, JMW, Inv. Nr. 2889, Foto: © David Peters

Isak Noa Mannheimer wurde 1793 in Kopenhagen als Sohn ungarischer Eltern geboren. 1814, noch während seiner Studienzeit, erhielten die dänischen Jüdinnen und Juden die vollen Bürgerrechte. Mannheimers Ausbildung war ganz an den aufklärerischen Ideen des deutschen Philosophen Moses Mendelssohn orientiert, die damals in Dänemark schnell Anklang gefunden hatten. Diese Pultdecke aus dem Wiener Stadttempel stiftete einer der Söhne von Isak Noa Mannheimer anlässlich dessen Todes 1865.

Felicitas Heimann-Jelinek zur Pultdecke für Isak Noa Mannheimer, JMW, Video: © David Peters

Brief von Michael Lazar Biedermann an Isak Noa Mannheimer, Wien, 1822, JMW, Inv. Nr. 4487

In Wien war die Lage gänzlich anders als in Dänemark: Die Gleichberechtigung war weit entfernt und die Wiener Jüdinnen und Juden spalteten sich in Reformbefürworter, die den aufklärerischen Geist auch in der Synagoge umsetzen wollten, und in Orthodoxe, die an den alten Traditionen festhielten.

Überzeugter Anhänger der Reformen war der k. k. Hofjuwelier, Großhändler und Bankier Michael Lazar Biedermann. Er bemühte sich, Isak Noa Mannheimer nach Wien zu holen, damit auch hier der Gottesdienst erneuert werden könnte. In diesem Brief vom 27. April 1822 schreibt Biedermann an Mannheimer, dass er noch auf die Entscheidung des kaiserlichen Hofes bezüglich dessen Bestellung warte.

Brief von Michael Lazar Biedermann an Isak Noa Mannheimer, Wien, 1822, JMW, Inv. Nr. 4487

1824 wurde Mannheimer dann schließlich nach Wien berufen, allerdings als Direktor der jüdischen Religionsschule – denn ein Rabbiner wurde den Jüdinnen und Juden Wiens noch nicht erlaubt. Mit der Einweihung des Stadttempels zwei Jahre später wurde Mannheimer dessen erster Rabbiner, doch erst mit der offiziellen Gründung der Gemeinde 1852 durfte er sich als solcher bezeichnen.

Foto­gra­fie des Arbeits­zim­mers von Isak Noa Mann­hei­mer, Wien, JMW, GP 83
Petschaft von Isak Noa Mannheimer, JMW, Inv. Nr. 1379, Foto: © David Peters

Mannheimer setzte allerdings in Wien nicht alle von ihm gewünschten Reformen durch. Gemeinsam mit dem Kantor Salomon Sulzer (1804–1890) entwickelte er den sogenannten Wiener Ritus – ein Kompromiss zwischen Reform und Orthodoxie – und verhinderte damit die Spaltung der Wiener Judenschaft.

Seine Predigten hielt er auf Deutsch, die Gebete wurden weiterhin in hebräischer Sprache gesprochen. In seinem Arbeitszimmer übersetzte er dennoch viele hebräische Gebete, die – wie auch seine Predigten – später veröffentlicht wurden.

Leichenrede für die in Wien gefallenen Studenten, gehalten an ihrem Grabe von Isak Noa Mannheimer, Wien, 1848, JMW, Inv. Nr. 2063

Eine von Mannheimers bekanntesten Predigten geht auf die bürgerlich-demokratische Märzrevolution 1848 zurück, an der sich einige Wiener Juden an vorderster Front beteiligten. Die brutale Niederschlagung durch das österreichische Kaiserhaus forderte 35 Todesopfer unter den revolutionären Männern und Frauen, für die bemerkenswerterweise ein ökumenisches Begräbnis abgehalten wurde. Gemeinsam mit einem evangelischen und einem katholischen Priester hielt Isak Noa Mannheimer eine Rede, bei der er am Ende mahnte:

Es sei mir noch ein Wort vergönnt an meine christlichen Brüder! Ihr habt gewollt, daß die toten Juden da mit Euch ruhen in Eurer Erde. Sie haben gekämpft für Euch, geblutet für Euch! Sie ruhen in Eurer Erde! Vergönnt nun aber auch denen, die den gleichen Kampf gekämpft haben und den schweren, daß sie mit Euch leben auf einer Erde, frei und unverkümmert wie Ihr…
Schulchan-Decke für die Hochzeit von Moritz und Charlotte Königswarter, 1860, JMW, Inv. Nr. 2989, Foto: © David Peters
Pflügt den Boden des Glaubens und sät Gerechtigkeit, es ist Zeit sich Gott zuzuwenden, der im Himmel weilt, dem Prediger Mannheimer leiht Euer Ohr und hört ihm zu; er wird kommen und Euch Gerechtigkeit lehren und den Lebensweg.

In der Inschrift dieser Pultdecke, gestiftet von Jonas und Josephine Königswarter für die Hochzeit ihres Sohnes Moritz mit Charlotte Wertheimer 1860, wird auch Isak Noa Mannheimer erwähnt. Die Familie Königswarter war religiös sehr traditionell und gesellschaftlich enorm einflussreich. Dass Mannheimer hiermit auch von einer durchaus konservativen Familie offiziell geehrt wurde, zeugt von seiner integrativen Persönlichkeit.

Foto­gra­fie der Grab­stät­ten von Isak Noa Mann­hei­mer und Liset­te Mann­hei­mer auf dem Wäh­rin­ger Fried­hof, Wien, um 1928, JMW, GP 230

Isak Noa Mannheimer verstarb mit 72 Jahren in Wien und wurde am jüdischen Friedhof in Währing begraben. Direkt neben seiner Grabstelle befindet sich jene seiner Frau Lisette (geb. Damier) aus Hamburg, über die wenig bekannt ist.

Sie war acht Jahre vor ihrem Ehegatten gestorben. Über die zögerliche Aufnahme Mannheimers reformistischer Ideen in Wien schrieb sie zwei Jahre nach ihrer Ankunft in einem Brief aus dem Jahr 1826:

Die Wiener sagen selbst, daß die Wiener eine Eisrinde haben, die erst erweicht werden müsse und wozu Zeit gehöre…

„Jüdischer Barock“

Osteuropa in Wien

Wie kommt ein Chanukka-Leuchter aus Kiew nach Wien?

Im 19. Jahrhundert zählte Kiew (Kyjiw) zu den größten Städten des Russischen Reiches. Für Jüdinnen und Juden galten spezielle Aufenthaltsbedingungen: Nur Angehörige der „ersten Gilde“ der Kaufleute, staatlich anerkannte Handwerker und Akademiker, durften sich in der Stadt niederlassen. Dazu gehörten auch jüdische Gold- und Silberschmiede, die in einer eigenen Zunft als Meister des „Jüdischen Gesetzes“ eingeschrieben waren.

Chanukkia mit Tier- und Pflanzensymbolik, Kiew, 19. Jh., JMW, Inv. Nr. 18943, Video: © David Peters

Dieser mit floralen und Tierornamenten sowie architektonischen Elementen reich dekorierte Chanukka-Leuchter ist ein typisches Beispiel osteuropäischer Silberschmiedekunst – manchmal auch als „Jüdischer Barock“ bezeichnet. Die Ölkännchen sind mit dem Kiewer Stadtwappen 1828–1887 versehen. Vermutlich wurde der Leuchter in einer Kiewer Werkstatt gefertigt. Der Name des Silberschmieds ist nicht zu eruieren.

Kup­pel der soge­nann­ten Kal­ten Syn­ago­ge in Mogi­lev, 1908, © Gemeinfrei
Die "Kalte Synagoge" von Mogilev, 1913, © Gemeinfrei

Im weißrussischen Mogilev (heute Mahiljou bzw. Mogiljow in Belarus) stand eine berühmte Holzsynagoge, die viele Künstler der russisch-ukrainisch-jüdischen Avantgarde wie El Lissitzky, Marc Chagall und Issachar Ber Ryback inspirierte.

Der Innenraum dieser Synagoge war 1740 vom Künstler Chaim Segal mit vielfärbigen, folkloristischen, biblischen und talmudischen Motiven bemalt worden. Wie bei osteuropäischen Judaica wurde auch in den Synagogen oft auf bunte Tier- und Pflanzenmotive zurückgegriffen.

Kiewer Chanukka-Leuchter, Foto aus: A. Kantsedikas/Y. Volkovinskaya/T. Romanovskaya; Masterpieces of Jewish Art, Silver, 1991

Jüdische Ritualobjekte aus Kiew wurden in ganz Osteuropa gehandelt. Ein fast identischer Chanukka-Leuchter wie der aus der Sammlung des Jüdischen Museums Wien ist auf einem Foto aus den 1920er-Jahren aus der Synagoge in Mogilev in Weißrussland (heute Mahiljou bzw. Mogiljow in Belarus) abgebildet.

Synagoge in Hwisdez (Gwozdziec), © Gemeinfrei

Auch in Galizien, das seit den polnischen Teilungen 1772 zur Habsburger Monarchie gehörte, gab es zahlreiche folkloristisch dekorierte Holzsynagogen.

Zborov, Synagoge, 1914-1915, JMW, Inv. Nr. 14257

Die meisten von ihnen wurden schon während des Ersten Weltkriegs, spätestens aber im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Asyl für Obdach­lo­se, Wien, 1914 – 1915, JMW, Inv. Nr. 23740

Vielleicht war der Chanukka-Leuchter aus Kiew in einer galizischen Synagoge oder auch in einem privaten Haushalt in Verwendung. Möglicherweise wurde er in der Folge von galizischen Jüdinnen und Juden, die während des Ersten Weltkriegs in Massen aus Galizien und der Bukowina flüchten mussten, mit nach Wien genommen.

Wie genau das Objekt seinen Weg in die Sammlung Max Berger – der selbst im Schtetl Nowy Sącz (Neu Sandez) im ehemaligen Galizien geboren wurde – gefunden hat, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Über das Osmanische Reich nach Wien

Warum wurde die Synagoge in der Wiener Zirkusgasse „Türkischer Tempel“ genannt?

Seit dem frühen 18. Jahrhundert gab es in Wien eine sefardisch-jüdische Gemeinde. Als ihr Begründer gilt der portugiesische Marrane Diego d’Aguilar, der von Karl VI. nach Wien berufen wurde, um das österreichische Tabakmonopol neu zu organisieren. Die Entstehungsgeschichte der Gemeinde hängt aber auch eng mit den Friedensverhandlungen zwischen dem Habsburgischen und dem Osmanischen Reich zusammen. Im Handels- und Friedensvertrag von Passarowitz wurde 1718 vereinbart, dass sich osmanische Untertanen im Habsburgerreich frei bewegen und Handel treiben konnten und im Gegenzug Untertanen der Habsburger im Osmanischen Reich dieselben Rechte genossen. Die sefardischen Jüdinnen und Juden, die sich in Folge in Wien niederließen, standen dadurch unter dem Schutz des Sultans und hatten anfangs sogar mehr Rechte als ihre im Habsburgerreich ansässigen aschkenasischen Glaubensgenoss:innen.

Radierung "Ein türkischer Jude mit seiner Familie in Wien", Wien, 1804-1812, JMW, Inv. Nr. 8238, Foto: © David Peters

Als Sefarden werden Jüdinnen und Juden bezeichnet, die 1492 im Zuge der Inquisition aus Spanien vertrieben wurden. Viele von ihnen fanden daraufhin im Osmanischen Reich Zuflucht.

Als Marranen – oder auch Conversos – wurden spanische und portugiesische Jüdinnen und Juden sowie deren Nachkommen bezeichnet, die zum Übertritt zum Christentum gezwungen worden waren. Ihnen wurde vielfach vorgeworfen, weiterhin im Geheimen den jüdischen Glauben zu praktizieren.

Megillat Ester aus dem Türkischen Tempel in Wien, 1844, JMW, Inv. Nr. 189, Video: © David Peters

Die von Aharon de Majo und Gabriel ha-Kohen im Jahr 1844 gestiftete Esther-Rolle, von einem Wiener Silberschmied im typischen Wiener Biedermeierstil gefertigt, war ursprünglich für die sefardische Synagoge in der Großen Hafnergasse 321 (heute Große Mohrengasse) im 2. Wiener Gemeindebezirk bestimmt.

Johann Nepomuk Geller, "Der neue sephardische Tempel in Wien", 1888, JMW, Inv. Nr. 2239, Foto: © David Peters

Nach dem diese zu klein geworden war und sich die sefardische Gemeinde Mitte der 1880er-Jahre ein neues Gotteshaus, den sogenannten Türkischen Tempel, in der Zirkusgasse erbauen ließ, wurde die Esther-Rolle dorthin mitgenommen.

© Filmarchiv Austria

Die vermutlich einzige Filmaufnahme vom Türkischen Tempel stammt aus dem österreichischen Stummfilm „Die Gekreuzigt Werden“ von Georg Kundert aus dem Jahr 1919. Das Filmarchiv Austria fand in der Sammlung der Library of Congress in Washington ein Fragment dieses lange als verschollen gegoltenen Films.

Ansicht der Alham­bra in Gra­na­da, JMW, Inv. Nr. 31832
Deckerl mit Tughra des Sultans Abdülhamid II., um 1887, JMW, Inv. Nr. 3326, Foto: © Sebastian Gansrigler

Bei der Einweihung des nach dem Vorbild der Alhambra im maurischen Stil erbauten Tempels im Jahr 1887 sprach der Vorbeter neben dem obligatorischen Gebet für Kaiser Franz Joseph I. auch ein Gebet für das Wohlergehen von Sultan Abdülhamid II. Ebenfalls als Zeichen der Verbundenheit mit beiden Herrschern hing im Vorraum des Tempels ein Porträt des österreichischen Kaisers neben einem Porträt des Sultans. Möglicherweise wurde auch dieses kleine Textil mit der Tughra (Unterschrift) des Sultans Abdülhamid II. anlässlich der Eröffnung des Türkischen Tempels gestiftet.

Bei der Einweihungsfeier 1887 sang der Chor die Nationalhymnen beider Länder. Chorleiter war der aus einer bekannten Wiener Familie stammende Isidor Löwit. Auf dieser Aufnahme singen Isidor Löwit und Heinrich Fischer das Gebet "Hineni heoni mimaas".

Aufnahme von Isidor Löwit
© Österreichische Mediathek
Tora-Schein (Aron HaKodesch) des Türkischen Tempels in Wien, 1937, JMW, Inv. Nr. 1538

Wie prächtig der Türkische Tempel ausgestattet war, zeigt ein Foto vom geöffneten Tora-Schrein, das der Fotograf Oskar Moser im Auftrag des Bankiers David Mordechai Halfon im Jahr 1937 aufnahm.

Von der Familie Russo gestifteter Parochet, AM 7622, Sammlung Ariel Muzicant

Vor dem Tora-Schrein hing ein von der Familie Russo gestifteter, nach einem Entwurf des Architekten Hugo Ritter von Wiedenfeld im Atelier von Carl Giani gefertigter Tora-Vorhang.

Anton Mül­ler, Beim Tep­pich­händ­ler Adutt in Wien, 1896, JMW, Inv. Nr. 17389, Foto: © David Peters
Meil von Mordechai Adutt, 1842, JMW, Inv. Nr. 3169, Foto: © David Peters

Bis heute in den Sammlungen des Jüdischen Museums erhalten ist ein Tora-Mantel aus dem Türkischen Tempel, der von Mordechai (Marco) Adutt gestiftet wurde.

Die Familie Adutt gehörte zu den ältesten in Wien ansässigen sefardischen Familien. Ihr erster Vertreter war der 1774 in Konstantinopel geborene Leon Adutt, dessen Namen erstmals in einem Gesellschaftsvertrag von 1818 aufscheint. Wirtschaftlich erfolgreich und in der Wiener türkisch-jüdischen Gemeinde engagiert waren auch die folgenden Generationen der Adutts.  Aufgrund ihres weitverzweigten familiären Netzwerks waren viele Familienmitglieder im Jahr 1938 nicht mehr in Wien. Der Stifter dieses Tora-Mantels hatte bereits Mitte des 19. Jahrhundert eine Zweigstelle des Familienunternehmens in London gegründet und seine Nachfahren waren britische Staatsbürger.

Zer­stör­ter Tür­ki­scher Tem­pel in Wien, 1938, © Doku­men­ta­ti­ons­ar­chiv des öster­rei­chi­schen Widerstands

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1938 fand die Geschichte der sefardischen Gemeinde in Wien ein brutales Ende.

Wie fast alle Synagogen wurde auch der Türkische Tempel niedergebrannt und zerstört.

Austausch von Kunsthandwerk

Zwischen Jerusalem und Wien

Was hat die Jerusalemer Kunstgewerbeschule Bezalel mit Wien zu tun?

Rimmonim aus einer Wiener Synagoge, Jerusalem, 20. Jh., JMW, Inv. Nr. 1061, Video: © David Peters

Diese Tora-Aufsätze (Rimmonim) aus Silber und Silberfiligran, die bis 1938 Tora-Rollen in einer Wiener Synagoge schmückten und heute im Jüdischen Museum Wien aufbewahrt werden, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts in Jerusalem angefertigt.

Tora-Aufsätze, 1906-1922, JMP inv. no. 012.409, © Jewish Museum in Prague

Ein bis auf die Widmungsinschrift nahezu identisches Paar Tora-Aufsätze aus Jerusalem befindet sich in den Sammlungen des Jüdischen Museums in Prag.

Foto­gra­fie der Kunst­ge­wer­be­schu­le Beza­lel, 20. Jh., JMW, Inv. Nr. 13118
Porträtpostkarte von Boris Schatz, Palästina, 20. Jh., JMW, Inv. Nr. 4835

Die Kunstgewerbeschule Bezalel wurde 1906 vom Bildhauer Boris Schatz, unter anderem mit der Unterstützung vom Grafiker, Maler und Fotografen Ephraim Moses Lilien, in Jerusalem gegründet. Bezalel ist der Name eines begabten Kunsthandwerkers aus dem 5. Buch Mose (Ex 35,30-35), der für den Bau der Stiftshütte verantwortlich war.

Selbstporträt von Ephraim Moses Lilien, 20. Jh., JMW, Inv. Nr. 8281

Ziel der Kunstgewerbeschule war es, eine „originär jüdische“ Kunst zu entwickeln, die zionistische Bewegung zu unterstützen, die darniederliegende Wirtschaft im Lande anzukurbeln und in weiterer Folge ein jüdisches Nationalmuseum zu gründen. Typische Arbeiten der Bezalel-Schule weisen eine Kombination aus orientalisierenden und Jugendstil-Elementen auf.

Federkiel und Zigarettendose aus der Bezalel-Kunstgewerbeschule, 20. Jh., JMW, Inv. Nr. 19976 & 20074, Fotos: © Sebastian Gansrigler

Die wichtigsten Käufer:innen für das Kunsthandwerk der Bezalel-Kunstgewerbeschule waren Pilger:innen aus aller Welt im Heiligen Land.

Basrelief auf Theodor Herzl, 20. Jh., JMW, Inv. Nr. 2398, Foto: © David Peters

Von Anfang an bestanden enge Beziehungen zwischen dem ersten Wiener Jüdischen Museum und der Bezalel-Kunstgewerbeschule. So ist im Inventarbuch vermerkt, dass deren Objekte in Jerusalem angekauft oder im Austausch gegen Doubletten aus dem Museum erworben wurden, so z.B. dieses Basrelief.

Die Rimmonim sind vermutlich auf ähnlichem Weg nach Wien gelangt. Da sie keine Inventarnummer des ersten Jüdischen Museum aufweisen, waren sie wahrscheinlich in einer Synagoge in Verwendung.

Rim­mo­nim aus einer Wie­ner Syn­ago­ge, Jeru­sa­lem, 20. Jh., JMW, Inv. Nr. 1061, Video: © David Peters

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs schlitterte die Bezalel-Kunstgewerbeschule in eine wirtschaftliche Krise. Die Schulgebäude waren aufgrund des Kriegs zum Teil zerstört und finanzielle Unterstützung aus dem Ausland blieb aus, 1927 musste die Schule sogar vorübergehend schließen. So begab sich Boris Schatz auf Fundraising-Tour und versuchte im Ausland, Käufer:innen für Judaica und Kunst der Bezalel-Kunstgewerbeschule zu finden.

Zu Purim 1932 starb er auf einer seiner Reisen in Denver, Colorado. Im selben Jahr wurde die Bezalel-Kunstgewerbeschule erneut geschlossen, doch schon drei Jahre später wieder neu eröffnet. Heute gehört die „Bezalel-Akademie für Kunst und Design“ zu den bedeutenden Kunsthochschulen mit zahlreichen Partneruniversitäten weltweit.

Von Jassy über Bombay nach Wien

Was wissen wir über den 1912 in Wien verstorbenen britischen Staatsbürger Jakob Rosenthal?

Woher kam er und was verband ihn mit Wien?

Postkarte mit Stadtansicht von Jassy, 1902, JMW, Inv. Nr. 32732

Als Jakob Rosenthal im Jahr 1836 in Jassy geboren wurde, gehörte die Stadt noch zum Osmanischen Reich, später wurde sie Teil des Königreichs Rumänien.

Warum und wann Jakob Rosenthal Jassy verließ, ist nicht bekannt. Vielleicht waren es die häufigen Pogrome gegen Jüdinnen und Juden oder auch wirtschaftliche Gründe, die ihn dazu bewogen, seine Heimat zu verlassen. Vermutlich emigrierte er zunächst nach Großbritannien, wo er die britische Staatsbürgerschaft erwarb und schließlich nach Britisch-Indien übersiedelte.

Postkarte mit einer Straßenansicht von Bombay, um 1900, JMW, Inv. Nr. 32793

Jakob Rosenthals offizielle Wohnadresse war Bombay (heute Mumbai) in Indien, wo er vermutlich mit Schweizer Luxusuhren handelte, die extra für den indischen Markt hergestellt wurden.

Immer wieder kam er zu Kuraufenthalten nach Österreich-Ungarn, wo sein Name auf diversen Kurlisten in Baden bei Wien und im Jahr 1901 auch in Karlsbad verzeichnet ist. Meistens kam er in Begleitung seiner Frau Toiwe – und manchmal ist auch das Dienstmädchen erwähnt.

Rimmonim, Wien, 1904, JMW, Inv. Nr. 7573, Video: © David Peters

Anlässlich des Chanukka-Festes im Jahr 1904 stifteten er und seine Frau  ein Paar typische Wiener Tora-Aufsätze für eine Synagoge in Wien. Welche besondere Beziehung er zu Österreich-Ungarn, zu Wien oder zu dieser Synagoge hatte, wissen wir nicht. Da die Aufsätze zu den vielen Gegenständen im Jüdischen Museum Wien gehören, die nach dem Novemberpogrom 1938 aus den Trümmern eingesammelt und geborgen wurden, lässt sich auch nicht klären, in welcher Synagoge sie in Verwendung waren.

Parochet von Jakob Sew Rosenthal, 1907-1908, JMW, Inv. Nr. 2403, Foto: © David Peters

1907 schenkte er vermutlich demselben Bethaus einen Tora-Vorhang (Parochet). Wie aus der Widmungsinschrift hervorgeht, lebte seine Frau zu dieser Zeit nicht mehr. Da sie nicht in Wien begraben ist, könnte es sein, dass sie in Indien gestorben ist. Auf dem Parochet ist auch Jakob Rosenthals ursprüngliche Heimatgemeinde Jassy in Moldawien erwähnt.

Ansichts­kar­te der Tabor­stra­ße 18, Hotel Natio­nal, um 1900, Wien Museum

Rosenthals letzter Wohnsitz war jedenfalls in der Taborstraße 18 im 2. Wiener Gemeindebezirk, wo sich das Grand Hotel National befand. Vielleicht hatte er hier eine Suite auf Dauer gemietet. Seine Schiffsreisekarte des österreichischen Lloyd für den 9. Mai 1910 von Triest nach Bombay ließ er rückerstatten.

Ab diesem Zeitpunkt verlieren sich seine Spuren. Erst nach seinem Tod 1912 erschien eine Anzeige in der Wiener Zeitung, in der eventuelle Gläubiger und Erbberechtigte aufgefordert wurden, sich zu melden.

Von Russland nach Wien

Wie kommt ein von einem Moskauer Silberschmied gestalteter Etrog-Behälter ans erste Jüdische Museum in Wien?

Fotografie von Ritualgegenständen, darunter ein Etrog-Behälter, Wien, um 1928, JMW, GP 361

Laut Eintrag im Inventarbuch wurde diese Etrogbüchse dem ersten Jüdischen Museum am 11. Februar 1902 von einem Herrn S. Manassewitsch aus Wiesbaden geschenkt. Auch auf dem Objekt selbst ist der Name des Schenkers eingraviert, allerdings mit dem Zusatz „Dresden, Tamus 5661“, das dem Juni 1901 entspricht.

Etrog-Behälter, Russland, JMW, Inv. Nr. 12436, Foto: © David Peters

Bei dem Stifter handelt es sich um Samuel Moses Manassewitsch. Er wurde 1826 in Russland geboren und war als Kaufmann in Moskau tätig. Das naturalistisch gestaltete Silberobjekt diente der Aufbewahrung einer Etrog-Frucht, die im Talmud als Frucht des Paradieses bezeichnet wird und für das Gebet zu Sukkot, dem Laubhüttenfest, benötigt wird.

Post­kar­te mit Ansicht des Kremls im Win­ter, Mos­kau, 1902, JMW, Inv. Nr. 33283

Warum und wann Samuel Moses Manassewitsch nach Deutschland übersiedelte, ist nicht bekannt. Als er im Oktober 1909 in Wiesbaden starb, war er am Partezettel als Ehrenbürger der Stadt Moskau genannt.

Nach Wien hatte Manassewitsch familiäre Bindungen: Einer seiner Söhne, Dr. Efim Manassewitsch, arbeitete als Chemiker in Wien und war mit der Wienerin Margarete (geb. Mandl) verheiratet. Über Efims weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Seine Frau Margarete Manassewitsch starb 1940 im Exil in der Schweiz.

Eine US-amerikanische Feldsynagoge

Aus Vietnam nach Wien

Wie gelangte die Feldsynagoge eines amerikanischen Militärrabbiners in die Sammlungen des Jüdischen Museums Wien?

Feldsynagoge von Rabbiner David Lapp, USA, 20. Jh., JMW, Inv. Nr. 14360, Foto: © David Peters

In dem auf den ersten Blick unscheinbar aussehenden schwarzen Metallkoffer mit der Aufschrift „U.S.“ ist eine komplette synagogale Grundausstattung in Miniatur vom Militärrabbiner Colonel David Lapp untergebracht. Sie umfasst einen Miniatur-Tora-Schrein mit einer Tora-Rolle und einem Tora-Zeiger, ein Paar Schabbat-Kerzenleuchter, eine Chanukka-Lampe, Kippot in Militär-Tarnfarben und ein Gebetbuch auf Hebräisch und Englisch.

Feldsynagoge von Rabbiner David Lapp, USA, 20. Jh., JMW, Inv. Nr. 14360, Foto: © David Peters

Bei einem Besuch in Wien im Jahr 2000 schenkte David Lapp dem Jüdischen Museum diese Box, die im Fachjargon „Feldsynagoge“ genannt wird.

Aus­stel­lungs­raum des ers­ten Jüdi­schen Muse­ums in der Malz­gas­se 16, 1912 – 1938, JMW, Inv. Nr. 2623
David Lapp als Schüler in der Talmud Thora-Schule in der Malzgasse in Wien, JMW, Inv. Nr. 14360

Mit Wien verband Lapp seine Familiengeschichte. Sein Vater, der ursprünglich aus Galizien stammte, hatte im Ersten Weltkrieg in der österreichisch-ungarischen Armee gedient. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie ließ sich die Familie in Wien nieder, wo David Lapp 1931 geboren wurde.

Er besuchte die jüdische Volksschule in der Malzgasse 16 – im selben Haus, wo seit 1913 auch das erste Jüdische Museum untergebracht war. Vielleicht hat er als Kind das Museum besichtigt?

David Lapp als Sänger des Knabenchors in Wien, JMW, Inv. Nr. 14360

Da er aus einer frommen und musikalischen Familie stammte, sang er jeden Freitagabend im Knabenchor des Wiener Stadttempels.

David Lapp in Uniform der US Army, JMW, Inv. Nr. 14360

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1938 nahm David Lapps idyllische Wiener Kindheit ein jähes Ende. Sein Vater wurde verhaftet und in ein Arbeitslager gebracht. 1940 – buchstäblich in letzter Minute – gelang es der Familie, ein amerikanisches Visum zu bekommen und in die USA zu flüchten.

Dort machte David Lapp eine Ausbildung zum Rabbiner und diente ab 1957 als Militärrabbiner in der US Army. Die Militärseelsorger aller Konfessionen werden chaplain genannt.

Militärrabbiner David Lapp bei der Verteilung von Pessach-Paketen, Vietnam, 1964-1965, JMW, Inv. Nr. 28215

Einer seiner schwierigsten Einsätze war während des Vietnamkriegs, als er mit dem Helikopter über die Kriegsgebiete von Einsatzort zu Einsatzort flog, um dort die jüdischen Soldaten zu betreuen. Laut Lapp hatten die traumatischen Erlebnisse der Soldaten dazu geführt, dass sie sich vermehrt mit religiösen Fragen auseinandersetzten.

Feld­syn­ago­ge von Rab­bi­ner David Lapp, USA, 20. Jh., JMW, Inv. Nr. 14360, Foto: © David Peters

Als David Lapp auf Einladung des Jewish Welcome Service im Jahr 2000 erstmals wieder nach Wien kam und an einem Empfang mit dem damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil teilnahm, meinte er gerührt:

Wer hätte sich jemals vorstellen können, dass ich, ein jüdischer Junge, gebeten werden würde, zurückzukehren und hier neben dem österreichischen Bundespräsidenten zu stehen?

Impressum

Kurator:innen:
Sabine Apostolo, Tom Juncker, Gabriele Kohlbauer-Fritz
Ausstellungsgestaltung:
Astrid Feldner
Ausstellungsorganisation:
Christiane Rainer
Dank:
Michael Achenbach, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands
Karl Aufner, Stadtarchiv Mattersburg
Jana Bednářová, Jewish Museum in Prague
Annalisa Di Fant, Museo della Comunità ebraica di Trieste "Carlo e Vera Wagner"
Michael Freund, Wien
Gyöngyvér Havas, Archive of The Hungarian University of Fine Arts
Hana Horáčková, Jewish Museum in Prague
Eduard Konrad, Sammlung Ariel Muzicant
Jacob Loewentheil, Marcel Sternberger Collection
Michelle Margolis, Columbia University
Peter Ploteny, Österreichische Mediathek
Susanne Rocca, Filmarchiv Austria
Wien Museum
Keter Tora, Wien, 1804, JMW, Inv. Nr. 12440, Foto: © David Peters

Keter Tora

Rimmonim, Wien, 1904, JMW, Inv. Nr. 7573, Foto: © David Peters

Rimmonim

Etrog-Behälter, Russland, JMW, Inv. Nr. 12436, Foto: © David Peters

Etrog-Behälter